Wien: Wo Läuferfüsse Walzer tanzen

Marathonlaufen heisst, über sich hinaus wachsen. Grenzen überschreiten. Körperlich und mental Neuland zu betreten. Auf der Suche nach ihren Limiten überqueren jährlich unzählige Läufer auch Landesgrenzen. Zürich, Paris, Madrid, Berlin, London, Wien, New York, Dubai, Rio und Tokio – um nur einige der Städte weltweit zu nennen, auf derer Agenda inzwischen ein Marathon steht. Diese Grossveranstaltungen bieten eine hervorragende Gelegenheit, eine Metropole laufend zu entdecken und ungefährdet Hauptverkehrsachsen zu betreten. So sperren die New Yorker beispielsweise ihre Verrazano-Brücke, die Wiener ihre Ringstrasse.

Der Charakter der Marathon-Städte spiegelt sich in ihrem Laufanlass wider: Warum beispielsweise die Österreicher den Ruf geniessen, charmante Gastgeber zu sein, wird am Vienna City Marathon bereits im Startgelände deutlich. Sie erweisen sich dort gar als wahre Gentlemen: Neben der langen Reihe der provisorischen WC-Häuschen, überdacht ein Zelt eine kleinere Kabinenreihe und schützt die Wartenden vor dem leichten Nieselregen – die «Women’s Toilets».

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Von Wahrzeichen zu Wahrzeichen

Der Startbogen steht am Fuss der Wiener UNO-City, dem Sitz der Vereinten Nationen. Die Hochhäuser, in den 1970er-Jahren erbaut, bilden ein Y, so dass sie sich nicht gegenseitig in den Schatten stellen. Aus den Lautsprechern donnert Beethovens «Ode an die Freude». Die heroische Melodie weckt auch meine Aufregung. Die morgendliche Schläfrigkeit hat sich verzogen. Ein letztes Stretchen, noch einmal die Startnummer zurechtzupfen. Der Countdown läuft. Die Füsse stehen still, der Blick gleitet Richtung Donau. Der Startschuss fällt. Die Menschenmasse wälzt sich über die rund 850 Meter lange Reichsbrücke, begleitet von den mitreissenden Klängen des Donauwalzers von Johann Strauss. Noch stecke ich voller Enthusiasmus, meine Füsse laufen nicht, sie haben sich von meinem Herzen anstecken lassen – sie tanzen.

Kaum ist die Reichsbrücke Geschichte, lenkt bereits ein weiteres Wiener Wahrzeichen die Aufmerksamkeit der Läufer auf sich: Das Riesenrad. 1897 zur Feier des 50. Thronjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. errichtet, war es lange Zeit das grösste Riesenrad der Welt. Mein Blick wandert von seinen ungewöhnlich grossen Gondeln zurück in die Zukunft – vor mir liegt die Hauptallee des Praters. Noch sind die Energietanks voll, noch ist der Lauf durch die grüne Kulisse ein Genuss.

Die Kulisse als mentale Stütze

Noch bevor mich der Anblick dieser langen Allee entmutigt, schlängelt sich der bunte Läuferwurm zurück ins Herz der Stadt. Wo mir kurz nach 10 Kilometern nicht die Distanz den Atem raubt, sondern der Anblick der Wiener Staatsoper. Kontrastreicher könnte die Kulisse im Startgelände und im Stadtkern kaum sein. Ein Amuse-Bouche der Veranstalter, denn bald schon führt die Strecke stadtauswärts, wo mich die Krönung erwartet: Schloss Schönbrunn.

Noch sauge ich all diese externen Eindrücke auf – später werde ich mich zwingen müssen, die Bauschönheiten der Kaiserstadt überhaupt noch zu erkennen. Und wo die Halbmarathonläufer bereits ins Ziel einbiegen, erhebt sich links von mir das imposante Rathaus. Bei seinem Anblick ist der stille Neid, dass einige der Teilnehmer schon im Ziel sind, verflogen. Die historischen Bauten helfen mir, meine eigene Marathongeschichte zu schreiben. Sie werden zur mentalen Stütze, lenken mich von der mit jedem Kilometer wachsenden Anstrengung ab.

Rettender Gentleman

Kurz nach dem 30. Kilometer biegt der Läufertross in den zweiten Teil der Hauptallee des Praters. Im einstigen kaiserlichen Jagdgebiet, stelle ich meinem inneren Schweinehund nach. Während meine Kräfte schwinden, scheint er stärker zu werden. Und als ich das Lusthaus und damit der Wendepunkt dieser Streckenschleife erreiche, geht mir langsam die Lust aus. Und obschon der Weg, der mich zurück ins Herz von Wien führt, nur noch acht Kilometer beträgt, scheint er endlos. In mich gekehrt, reichen meine Kräfte nicht mehr aus, um die Kulisse zu geniessen. Die schmerzenden Oberschenkel gebieten mir Einhalt – bei der 40-Kilometermarke muss ich kapitulieren.

Die architektonischen Schönheiten vermögen mich nicht mehr von der Anstrengung abzulenken. Ich marschiere – die berüchtigte Wand scheint zu hoch. Ein Wiener macht in diesem Moment dem Ruf der Österreicher, umsorgende Gastgeber zu sein, alle Ehre: «Gehen geht nicht!», ruft mir der Zuschauer zu und lässt nicht locker. «Los! Es sind nur noch zwei Kilometer – ab hier ist gehen verboten!» Hartnäckig geht er jenseits der Abschrankung ein Stück mit mir mit und peitscht mich mit seinen Ausrufen zurück in den Trab. Diesem Gentleman werde ich lange dankbar sein, denn der Schritt über die Ziellinie, umgeben von der historischen Kulisse des Wiener Heldenplatzes, ist ergreifend. Eine Melodie erfüllt in diesem Augenblick mein Herz: die «Ode an die Freude»!

(publiziert auf http://www.tages-anzeiger.ch)

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