Nizza: Wenn der Wind gegen Marathonis kämpft

Einfach perfekt: Rund 20 Grad, heiter. So das Versprechen der Wetterfrösche an die Teilnehmer des Marathon des Alpes Maritimes 2013. Rosige Aussichten für Langstreckenläufer an der französischen Riviera. Nach zweimal New York bei stahlblauem Himmel sowie Wien mit Nieselregen und optimalen Lauftemperaturen, wird der Wettkampf von Nizza und nach Cannes also wettertechnisch mit meinen übrigen Marathonerfahrungen mindestens gleichziehen.

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Zwar haben meine Vorbereitungen durch Erkältungen und grosser Arbeitslast gelitten, was meinem unverbesserlichen Optimismus jedoch keinen Abbruch tut. Obschon eine persönliche Bestzeit nicht drin sein wird, wecken die Veranstalter meine Hoffnungen, zumindest den bisherigen persönlichen Rekord von 3.38 Stunden zu egalisieren. Sie versprechen eine schnelle, flache Strecke und Petrus würde also mein Verbündeter sein. Innerlich lehne ich zurück. Die wohlige Anspannung am Tag vor dem Start – unter diesen Bedingungen ein mit Adrenalin durchsetzter Genuss. Er macht den faden Pastateller am Vorabend zur Gaumenfreude und lässt mich die Wenn und Abers vergessen, die mein Training überschattet haben.

Es kam alles anders.

Die Unberechenbarkeit des Marathons strafte meine Selbstgefälligkeit. An diesem Sonntag lehrte mich die 42,2-Kilometer-Distanz Respekt. Petrus zeigte mir den Meister. An diesem Morgen hingen unerwartet Wolken am Himmel der Cote d’Azur. Sie vermochten aber nicht, meine Zuversicht zu trüben. Mein innerer Optimist argumentierte: «So wird es sicher nicht zu heiss.» Im Gegenteil: Ein leichter Wind liess die Läufer am Start auf der Promenade des Anglais leicht frösteln. Der Startschuss fiel. Die Marathon-Hochstimmung liess mich das Wettertief vergessen. Die Euphorie taktete meine Beine – Cannes und meinem Denkzettel entgegen.

Die Kilometer auf der Promenade de la Plage glichen einem Spaziergang. Und geschützt vor dem aufziehenden Wind avancierte ich nichtsahnend in der Marina Baie des Anges auf dem Quai d’Honneur innerlich bereits zum Helden. 15 Kilometer waren bereits Geschichte, als ich den Wind erstmals störend wahrnahm. Die Wolken jagten mir entgegen vom Meer Richtung Festland, während Petrus mir den Fehdehandschuh regelrecht ins Gesicht klatschte. Die erste heftige Windböe erwischte mich frontal auf der Route du Bord de Mer, kurz nach der 20 Kilometer Marke. Erstaunt mass ich ihr kaum Bedeutung bei und tat sie als Laune des Wettergottes ab – Irrtum, wie sich herausstellte. Ein seitlicher Gegenwind von konstant 40 km/h mit Böen von bis zu 70 km/h brachte Sonnenschein. Ich versuchte mich darüber hinweg zu setzen, meinen euphorischen Takt beizubehalten. Vergeblich.

Eine sandgeladene Böe im Gesicht

Petrus kämpfte mit harten Bandagen und seine neuen Spielregeln verlangten nach einem neuen Schlachtplan. Das Hochgefühl war vom Winde verweht, mein kleiner Optimist schwieg. Und während Cannes in die Ferne rückte, schien die Kapitulation plötzlich greifbar. Obschon die Veranstalter vor der Steigung bei Kilometer 28 gewarnt hatten, war sie meine Rettung: Die Strasse ins Landesinnere über den Hügelzug einer Landzunge war Wind geschützt. Abgeschirmt von den bockigen Luftmassen, meldete sich mein Kampfgeist zurück. Ich verwarf die 3:38-Stunden-Marke und schmiedete einen Plan B: 3:45.

Bei Kilometer 30 hätte der nach dem erfolgreichen Maréchal Juin benannte Boulvard die perfekte Kulisse für die Demonstration meiner Wehrhaftigkeit werden sollen. Doch auch Petrus schien meinen Rückzug genutzt zu haben: Als ich auf die Küstenstrasse einbog, schlug mir eine sandgeladene Böe entgegen. Gischt schoss an den Felsen hoch und verbündete sich mit den Sonnenstrahlen zu einem breiten Regenbogen. Das Naturschauspiel brachte mich aus der Fassung, der Wind machte mich zu seinem Spielball. Grundsätzlich von vorne, gelegentlich von hinten und ab und an von der Seite stellte er meine Lauffestigkeit auf die Probe, fegte unter meine Füsse und verlangte mir höchste Konzentration ab.

Von Genuss keine Spur

Meter für Meter kämpften sich die Läufer vorwärts, den Kopf gegen die Böen gebeugt, fluchend, vorbei an der «Plage Pourquoi Pas» – für Sinnesfragen war es indes zu spät: Die 35-Kilometer-Marke lag hinter mir. Hinter mich gelassen hatte ich auch meinen Plan B. Ich war bescheiden geworden: Jetzt ging es nur noch ums Ziel. Die letzten Marathonkilometer – ohnehin eine Belastungsprobe – waren diesmal ein regelrechter Kraftakt. Erstmals würde ein Marathon kaum den Wunsch nach mehr in mir wecken. Die Lauflust würde durch diesen Kampf sicherlich getrübt, zu dieser Überzeugung war ich bei Kilometer 40 gelangt. Von Genuss weit und breit keine Spur. Die Euphorie war verflogen. 

Es kam alles anders.

Der Schritt über die Ziellinie lässt mich die Widrigkeiten vergessen. Anders als bisher hat mich bei diesem Marathon nicht nur die schiere Distanz an meine Grenzen gebracht. Wir alle haben es mit Naturgewalten aufgenommen. Von den Böen zersaust, das Gesicht voller Salz und Sand stehen die Läufer hinter der roten Linie, ungläubig am Ziel zu sein. Das ist der Moment, in dem Adrenalin und Glückshormone vom mir Besitz ergreifen. Während meine Muskeln GENUG schreien, verlangte mein Herz ENCORE!

Und das sagen die Cracks zum Laufen im Wind:

Viktor Röthlin, Marathon-Europameister:
Laufen ist eine Sportart im Freien. Je länger die Distanzen, desto länger setzt sich der Läufer auch der «Gefahr» der  Wetterkapriolen aus. Aber genau darin liegt der Reiz dieser Sportart. Äussere Einflüsse können immer dazu führen, dass ein Läufer sein Ziel anpassen muss. Ich denke, dessen sollte man sich vor einem Wettkampf  immer wieder bewusst werden. Ist ein Läufer darauf gefasst, gelingt es ihm besser, mit der neuen Situation umzugehen. Bei derart garstigen Bedingungen zählt das Erlebnis. Leistungsorientierte Läufer sollte in solchen Fällen vielmehr dem Rang als der Zeit Bedeutung beimessen, denn die äusseren Umstände waren ja für alle Teilnehmer gleich. Bei starkem Wind kann man vom Windschatten eines anderen Läufers profitieren. In der Regel sollten sich die Konkurrenten dann aber zu einem Team formieren und versuchen sich bei der Führungsarbeit regelmässig abzuwechseln. Somit ermüden alle Beteiligten langsamer und kommen gemeinsam schneller ans Ziel.

Markus Ryffel, Olympiamedaillengewinner:
Respekt gehört zum Marathonlaufen dazu, immer! Denn ganz berechenbar wird diese Distanz für uns wohl nie sein. Zwei Faktoren machen einen Marathon schwer kalkulierbar: der Mensch und das Wetter.
Der Läufer muss am Tag X in der Lage sein, seine ganze körperliche und geistige Leistungsfähigkeit abzurufen. Dabei müssen der Kopf klar und kampfbereit sowie die Muskeln gut trainiert sein. Zudem ist es unabdingbar, dass die Verdauung an diesem Tag in Ordnung ist. Ein Marathonläufer muss mental in der Lage sein, den Fahrplan zu ändern, wenn das Wetter ihm unerwartet einen Strich durch die Rechnung macht. Seine Trümpfe sind bei solchem Hudelwetter: Kampfwille, Zähigkeit und das Vermögen, Strapazen zu erdauern. Einigen werden diese Fertigkeiten in die Wiege gelegt.
Aber: Das alles kann man trainieren, denn auch in der Vorbereitungszeit spielt Petrus manchmal verrückt. Gerade jetzt, wo der Winter vor der Türe steht. Wer im Vorfeld schon bei Wind und Regen kneift, wird es bei schlechtem Marathonwetter besonders schwer haben. Im Gegenwind ist eine ökonomische Lauftechnik besonders wichtig: Schritte verkürzen, die Füsse nicht zu weit vom Boden heben und mit den Armen mitarbeiten. Deren Muskeln sind noch unverbraucht und die Beine folgen fast automatisch ihrem Takt.
Hilfreich ist zudem lange Kleidung. Der Wind weht sonst den Schweiss weg, das körpereigene Kühlmittel also. Der Organismus sieht sich dann gezwungen, mehr Schweiss zu produzieren. Es besteht bei solcher Witterung erhöhte Dehydrationsgefahr.
Wichtig ist es zudem, dass der Läufer auch bei harten Bedingungen nicht gleich das Handtuch wirft. Oft steht der Läufer mental vor einer Hürde, die ihn unüberwindbar dünkt, während sein Körper noch über Reserven verfügt. Handelt es sich nicht um ein Problem, dass die Gesundheit gefährdet, lohnt sich eine kleine Auszeit. Ein übereilter Entscheid Manchmal sieht die Welt nämlich nach einem Stück Banane, einem Schluck Wasser und einer kurzen Gehpause wieder ganz anders aus. Erst dann sollte der Läufer über ein vorzeitiges Ende entscheiden.

(publiziert auf http://www.tages-anzeiger.ch)

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