Chicago: Ein Plädoyer für die Mordhauptstadt

Die Wahlheimat Al Capones macht fast ein Jahrhundert nach der Herrschaft des berüchtigten Mafiabosses ihrem Ruf als Metropole des Verbrechens alle Ehre: In keiner anderen amerikanischen Stadt gab es in diesem Jahr mehr Mordopfer als in Chicago. Auf dieser unrühmlichen Liste liegt die drittgrösste US-Metropole sogar vor den beiden bevölkerungsreicheren Städten New York und Los Angeles. Gemäss dem «Chicago Tribune» starben dieses Jahr bis heute 579 Menschen einen gewaltsamen Tod – das sind bereits mehr als im gesamten Vorjahr. 

Aber: Chicago ist zu Unrecht in Verruf geraten. Gewiss, die Statistik spricht eine deutliche Sprache – sie schönzureden wäre pietätlos. Doch Chicago ist mehr als Mordhauptstadt. Das zeigte das Marathon-Wochenende vor zwei Wochen, an dem ich als Läuferin teilnahm. Die für Amerikaner so typische Willkommenskultur wird für den Läufer durch die Million anfeuernder Zuschauer am Strassenrand regelrecht greifbar – und zwar auch in den «schlechteren» Stadtteilen.

Anerkennendes Lächeln

Die Einheimischen klopfen hinkenden Marathon-Finishern beifällig auf die Schultern, an der Starbucks-Theke nimmt sich die Barrista trotz Grossandrangs Zeit für ein würdigendes «Great Job!», etliche Passanten belohnen mit einem anerkennenden Lächeln die erschöpfte, in Alufolie eingepackte Läuferin auf dem Weg ins Hotel. Nie kommt dabei das Gefühl von Übertriebenheit auf, nie wirken diese Gesten überkandidelt – sie sind ehrlich gemeint.

Der Marathon von Chicago kann dem New Yorker weder bei der Grösse noch bei der Teilnehmerstärke das Wasser reichen. Auch kann er sich nicht wie jener von Boston als «ältesten Marathon der Welt» betiteln. Trotzdem gehört der Lauf zu Recht zu den prestigeträchtigen «Big Six» – den World Marathon Majors.

Die Stadt hält es mit ihrem Langstreckenlauf ähnlich wie mit ihren Wolkenkratzern: Weniger ist mehr. Auch der Chicago Marathon ist keine Orgie der Superlativen; er setzt dafür auf authentische Merkmale und tut gut daran! Seine Startplätze sind nicht wie in New York mehrheitlich für ausländische Läufer reserviert; diese machen in Chicago nur gerade ein Drittel des Teilnehmerfeldes aus. Der Läufer spürt dadurch, in welchem Land er seine hart erkämpften 42 Kilometer zurücklegt, und der Tourist erlebt so auf eine ganz eigene Weise die amerikanische Kultur, das Wesen der Stadt.

Blätter wie tanzende Konfetti

Ähnlich verhält es sich mit der Streckenführung. Sie zeigt zwar die glänzenden Seiten der Stadt, jene, die in jedem Touristenführer zu finden sind. Sie lässt die Läufer aber auch versteckte Baumalleen entdecken, in denen der Wind aus kleinen, bunten Blättern tanzende Konfetti macht. Und: Die Teilnehmer laufen durch Quartiere, in denen sich die Armut nicht verstecken lässt und das Leben gnadenlos ist. 

Im Fall von Chicago muss es darum heissen: Im Zweifel für den Angeklagten – das hat diese wunderbare Stadt verdient! Oder wie es Altmeister Frank Sinatra sang: «My kind of town Chicago is.»

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Erstmal Glückwunsch zum Finish. Ich will mich in diesem Jahr auch mal an diesen für mich 4. Teil der 6 Mayors machen. Gibt es noch bestimmte Tipps, was man auf keinen Fall machen sollte?

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    1. wertli2 sagt:

      😊 vielen Dank!
      Oh wow, du bist noch dran… schön, geniess es! Welche Art Tipps meinst du? In Chicago oder grundsätzlich? Ich wünsch dir viel Spass!

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