Wer lange laufen kann, ist noch lange kein Langläufer

Stahlblauer Himmel, strahlender Sonnenschein und die erste fundamentale Krise. 36 Stunden. So lange hatte die Anfangseuphorie meiner neuen Beziehung gedauert. Hoffnungsvoll hatten wir uns Richtung Berge, Richtung Schneeromantik aufgemacht – meine nigelnagelneuen Langlauf-Ski und ich. Ich hatte lange nach einer Alternative zum Laufen im Winter gesucht, denn über Monate hinweg hauptsächlich Indoorsport war und ist für mich keine Lösung. Aber ich bin kein Wintermensch – was die Sache natürlich erschwerte. Als sich der Sommer zu Ende neigte, gab ich mir einen Ruck: Ein viertägiger Skatingkurs in den Bergen sollte mich in die Geheimnisse des Ausdauersports im Schnee einweihen.

 

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Und da stand ich also, 36 Stunden nach den ersten Metern auf meinen Ski – und zweifelte, nein verzweifelte. Denn während das Leben uns Menschen das Rennen quasi en passant mit auf den Weg gibt, muss der Skater jeden Schritt von der Pike auf lernen. Die erste Lektion hatte darin bestanden, die schmalen Lättchen kennen zu lernen. Gleichgewichtsübungen standen auf dem Programm, für mich als ehemalige Tänzerin an sich keine grosse Sache. Dachte ich zumindest.

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Es ist aber deutlich einfacher, auf High Heels zu balancieren als auf Langlauf-Ski. Logisch, dass ich mich bei den ersten Schritten tölpelhaft anstellte. Doch auch wenn die Stilnote erbärmlich ausgefallen wäre, konnte ich bereits nach den ersten zwei Stunden wenigstens behaupten: Ich bin gefahren.

Scheidungspläne und ein wertvoller Therapeut

Doch was bei Eheleuten das verflixte, siebte Jahr ist, war für mich und meine Langlauf-Ski der vermaledeite zweite Tag: Während die anderen Kursteilnehmer auf ihren Latten bereits einige Meter durch die frisch verschneite Landschaft gleiteten, glich ich Teleboy und wackelte von einem Ski auf den anderen – ohne wirklich vom Fleck zu kommen. Und wenn, dann nur mit immensem Kraftaufwand.

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Ich war ernüchtert: Wer lange laufen kann, ist deswegen keineswegs ein Langläufer. Innerlich reichte ich die Scheidung ein. Die Konvention stand: Kurs hinter mich bringen, Ski verkaufen, zurück ins Hallenbad und ins Fitnesscenter.

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Langlauflehrer Stefan Schmucki erwies sich aber als geduldiger Therapeut und machte mir die Trennung nicht leicht. Unbeirrt demonstrierte er, wie Harmonie zwischen Läufer und Ski aussieht und Balance die «Beziehung» befruchtet. Unermüdlich führte er vor, dass ähnlich wie beim Tanzen auch beim Langlaufen der Rhythmus eine bedeutende Rolle spielt – und weckte die Lust wieder, den Wunsch ebenso leicht durch den Schnee zu gleiten. So herrschte vor der dritten Lektion Waffenstillstand zwischen mir und meinen Lättchen.

Die Beziehungskrise ist über den Berg

Ein Ausflug in einem Wald ob Valbella brachte schliesslich die Versöhnung – nicht nur, weil ich endlich das Gefühl hatte, vom Fleck zu kommen. Sondern auch weil mich die Runde an meine Laufleidenschaft erinnerte: Die wohltuende Abgeschiedenheit, die atemberaubenden Naturkulissen sowie die Bewegung an der frischen Luft mit oder ohne Gleichgesinnte nähren sie.

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Und genau diese Facetten erkannte ich unter den schneeschweren Ästen der Tannen beim Langlaufen wieder. Auch die erhabene Zufriedenheit, den ersten grösseren Hang (auch wenn er den Cracks nichts als ein müdes Lächeln abringt) gemeistert zu haben, lässt jedes Läuferherz höherschlagen und nach mehr verlangen.

Wir sind über den Berg, meine Ski und ich, denn noch vor wenigen Tagen verteufelte ich den Winter, nun kann ich es kaum erwarten, meine Lättchen endlich wieder in den Schnee zu legen.

Der Beitrag ist am 14. Januar 2019 im Tages-Anzeiger erschienen. 

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