Läuferfüsse sind keine Gebrauchsgegenstände

Meine Füsse – sie würden sicherlich keinen Schönheitspreis gewinnen. Gebrauchsgegenstände, seit ich im Bauch meiner Mutter damit nach meiner Zwillingsschwester trat; seit ich zögerlich an der Hand meines Vaters die ersten Schritte tat. Noch im Wachstum im Reitstall von manch einem Pferdehuf traktiert. In Schuhe gezwängt, die unweigerlich die Fuss-Schutzorganisation auf den Plan gerufen hätten – wenn eine solche existierte. Anstandslos nächtelang gehorchend, wenn ich ihnen auf dem Parkett tanzend das Letzte abverlangte – auf Highheels versteht sich.

Treu trugen sie mich Kilometer für Kilometer und während ich laufend meinen Kopf lüftete, liessen sie mich die Welt erobern. Meine Füsse – Jahr für Jahr die verkörperte Selbstverständlichkeit. Und das, während seit jeher im Badzimmerschrank ein wahres Verwöhnprogramm für meine Hände bereitsteht – schliesslich sagt man von ihnen sie seien eine Visitenkarte. Sportarzt Robert Greuter mahnte bereits nach dem ersten Untersuch: „Ihre Fussmuskulatur ist zu schwach.“ Und während ich die Wurzel, über die ich vor einigen Wochen stolperte noch heute verfluche, sind ihr meine Füsse wohl auf ewig dankbar. Endlich hatten sie meine ungeteilte Aufmerksamkeit: Mein Vorhaben in New York den Marathon zu bestreiten, machte mich zu ihrer Geisel.

Blind und einbeinig Zähneputzen

Da sitz ich nun und betrachte die krummen Zehen, die grosse Narbe, die ein Motorradunfall hinterliess… Erbärmlich sehen sie aus – vernachlässigt. Bestimmt schiebe ich die Handcrème, die Nagelbettöle und die Nagellacks zur Seite und machte Platz für Fussbalsam, Bimsstein und einer Flasche Fussbad.

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Bild: Lukas Linder

Greuter genügte das nicht: „Die Füsse sind das Werkzeug des Läufers, polieren reicht nicht.“ Sie müssten auch gestärkt werden, bläut er mir ein, häufiges Stolpern sei ein klares Zeichen dafür, dass ein Krafttraining nötig sei. Noch mehr Arbeit – ich setzte zur „Aber, ich habe doch keine Zeit“-Ausrede an. Der Sportarzt liess mich die Ausflucht nicht mal zu Ende denken: „Es bedarf simpler Übungen, die sich gut in Ihren Alltag einbauen lassen.“

Und so nahmen meine Füsse ihre Rache: Ihr wertvolles Pfand war New York. Sie hatten ein stiefmütterliches Dasein gefristet und machte mich jetzt zum Affen: Ich begann morgens in der Redaktion die Konkurrenzblätter auf einem Fussigel stehend durch zu stöbern.

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Bild: Lukas Linder

 

Noch stand dabei die Kaffeetasse sicher auf einer Theke – schliesslich muss ich mich in den kommenden sieben Monaten noch steigern können. Während ich bisher morgens im Halbschlaf meine Beisserchen putzte, ist dabei heute grösste Konzentration gefordert: Ich balanciere mit geschlossenen Augen auf einem Bein. Noch vor einigen fläzte ich mich aufs Sofa, während mich mich von den News des Tages berieseln liess – heute ringe ich auf einer eingerollten Fitnessmatte nach meinem Gleichgewicht. Die Vergeltung meiner Füsse macht auch vor meinen nachbarschaftlichen Beziehungen nicht Halt: Fortan gehe ich auf Zehenspitzen durch die Wohnung.

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Bild: Lukas Linder

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