Paris: Ein Plan B für Marathons

Dass ich viermal Glück gehabt hatte, erfuhr ich in Paris. Nach glimpflich verlaufenen Läufen in New York, Wien und Nizza, zeigte mir der Marathon dort seine hässliche Fratze. Er lehrte mich, dass er unberechenbar ist. Die Vorbereitung lief wie am Schnürchen. Anders als vor meinen vier vorherigen 42,195-Kilometerläufen plagten mich in den Monaten davor weder Verletzungen noch private oder berufliche Krisen.

So war ich nach Paris gereist, um meine bisherige Bestzeit zu knacken – und traf auf mein Waterloo. Bereits nach den ersten hundert Metern nach dem Startbogen hinter dem Arc de Triomphe spürte ich, dass meine Beine auch schon bessere Tage gehabt hatten. Und das, obschon es den Champs Elysées entlang leicht bergab ging. «Niemand sagte, es würde einfach werden», versuchte ich mich in Selbstmotivation. Recht klappen wollte es nicht. Viel besser funktionierte es, dieses Gefühl mit Ignoranz zu strafen. Die Sonne schien, die Kulisse der historischen Stadt versprach, eine Augenweide zu werden.

Rien ne va plus…

In meinem Magen rumorte es, was ich ebenfalls geflissentlich aus meinem Bewusstsein verbannte. Spätestens bei Kilometer 15 gelang mir das nicht mehr – mit sprichwörtlichem Nachdruck verschaffte sich mein Verdauungstrakt Gehör. Weit und breit kein Toi Toi, keine Toilette – nur die Bäume des Bois de Vincennes. Ich ergab mich und hetzte gerade noch rechtzeitig hinter den nächsten Busch. Was dann kam, wollen Sie hier nicht lesen.

Zurück auf der Strecke war ich nicht nur regelrecht erleichtert, sondern auch besorgt. Durchfall dehydriert bekanntlich, was sich mit einem Marathon schlecht verträgt. Bennie Lindberg, ein ehemaliger finnischer Profi-Triathlet, gab mir kürzlich einen wertvollen Tipp mit auf den Langstreckenweg: Wenn der Gedanke ans Aufgeben aufkommt, auf keinen Fall sofort entscheiden – sofern nicht ein gefährliches medizinisches Problem vorliegt. Er empfiehlt, sich selbst eine Gnadenfrist zu gewähren. Ich beschloss also, die Frage, ob ich weiterlaufen würde oder nicht, erst bei Kilometer 21 – also in der Hälfte – zu beantworten. Bevor ich aber so weit kommen sollte, stand ein weiterer WC-Stopp an – diesmal in einem dafür vorgesehenen Örtchen. Danach war ich ausgepumpt und mein Magen endlich still.

Wenn der sture Kopf siegt

Zwar waren die Beine bereits müde, die Füsse schmerzten – unmöglich war ein Finish aber nicht, denn mein grösster Trumpf war intakt: mein sturer Kopf. Fest stand, dass ich meine Bestzeit diesmal nicht annähernd knacken würde. Im besten Fall ging es darum, überhaupt über die Ziellinie zu kommen. Hin- und hergerissen legte ich die letzten Kilometer vor dem alles entscheidenden 21. Kilometer zurück – ja oder nein? Weiter kämpfen oder die nächste Metro ins Hotel nehmen? Ich entschied mich für den Kampf, ohne recht zu wissen, wie ich ihn gewinnen sollte. Mein ursprünglicher Plan war gescheitert, ein Plan B musste her. Gerne würde ich an dieser Stelle schreiben, dass ich mir in weiser Voraussicht all jene Dinge vorgenommen hatte, die folgen sollten. Es wäre gelogen.

Der Plan B für meinen Marathon entstand im Laufe der Strecke:

  • Ich klatschte jede Kinderhand ab, die uns die Kleinen entgegenstreckten – und brachte damit etliche Kinderaugen zum Leuchten. Sie wiederum reichten mich strahlend weiter – von einer kleinen Hand zur nächsten.
  • Weil Zeit keine Rolle mehr spielte, registrierte ich erstmals den Ausdruck in den Gesichtern der Zuschauer eines Marathons – sehr empfehlenswert! Einige ergötzten sich am Elend der leidenden Läufer, andere zollten ihnen bewundernden Respekt, weitere liessen uns stumm wissen: Ihr spinnt doch!
  • Bei Kilometer 29 gönnte ich mir eine Pause, indem ich ein Selfie mit dem Eiffelturm schoss – selbstverständlich war das Denkmal erst beim dritten Anlauf ganz drauf, was auf jeden Fall sein musste (wenn auch nur, um länger verschnaufen zu können).
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  • Ich nahm mir zudem Zeit für Familienforschung. Weil die Organisatoren meinen Vor- und Nachnamen verwechselt hatten, stand auf meiner Startnummer nicht etwa Pia sondern eben Wertheimer. Das fiel einem Mitläufer auf. Erfreut gesellte er sich zu mir und liess mich wissen, dass auch er ein Wertheimer sei – aus dem Elsass. Noch nie habe er ausserhalb seiner Familie jemanden mit diesem Nachnamen getroffen. Und weg war er…
  • Und last but not least war da noch Etienne.

Ich passierte Kilometer 40 und hatte eben begriffen, dass eine Zeit unter vier Stunden noch drin liegen würde. Allerdings nur, wenn ich noch einen kleinen Zacken zulegte. Ratlos, woher ich die Kraft und Motivation dazu noch hätte hernehmen sollen, sah ich Etienne von hinten. Er marschierte. Sein Gang verriet Resignation.

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Ich gönnte mir die letzte Pause, drosselte mein ohnehin nicht hohes Tempo, klopfte ihm auf die Schulter und fragte, ob alles okay sei. Seine kurzatmige Antwort war knapp, aber vielsagend. «Ja. Mein erster Marathon. Der ist endlos.» «Marschierend gehts viel länger, wollen wir?» Ich trabte an, er folgte – auch als ich das Tempo so erhöhte, dass es mir für eine Zeit unter vier Stunden reichen würde. «Okay so?», wollte ich von ihm wissen. «Ja.» Überschwänglich bedankte er sich – als wir die Ziellinie passierten. Etienne wird wohl nie verstehen, weshalb auch ich ihn mit Dank überschüttete… Er war ein wertvoller Teil meines Plan B geworden.

(publiziert auf http://www.tages-anzeiger.ch)

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Schmerzhafte Erinnerung an die Strapazen in Paris.

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