Der Beiss-Test auf dem Laufband

Was ist Erschöpfung? Ist es jene Unlust, die sich nach einer mitternächtlichen Laufrunde in der ansteigenden und abfallenden Altstadt von Lausanne bei -14 Grad Celsius einschleicht? Ich brachte zwei weitere Runden – zwar keuchend und schwitzend – aber dennoch schmerzlos hinter mich. Was ist Erschöpfung? Ist es der krasse Energieabfall nach einem zweieinhalbstündigen Lauf in den Bergen ohne gefrühstückt zu haben und der mich zwingt, eine heisse Schokolade herunter zu stürzen, damit ich die letzten Kilometer schaffe?

Innerer Schweinehund bevorzugt Sofa

«Die Frage, die jeder dabei zu beantworten hat, ist: Will oder kann mein Körper nicht mehr», weiss Markus Ryffel, Olympia-Zweiter 1984 in Los Angeles über 5000 Meter. Er unterscheidet bei der Suche nach einer Antwort zwischen dem Kampf gegen den inneren Schweinehund und der objektiven, körperlichen Erschöpfung. Es gehe darum die Stimme des Organismus deuten zu lernen und ehrlich diese individuelle Grenze zu ziehen. «Oft verwechseln Läufer die Botschaft ‹ich will nicht› mit ‹ich kann nicht mehr›», führt Ryffel aus. Im Hinblick auf mein Marathontraining fügt er an: «Bei ‹ich will nicht› heisst es lediglich Tempo reduzieren – was gerade in der Gruppe manchmal Mut braucht – aber auf keinen Fall das Training abbrechen.» Anders sehe es bei «ich kann nicht mehr» aus.

Markus Ryffel hat bereits unzählige Laufkilometer in seinen Beinen. Umgerechnet hat der 54-Jährige bisher vier Mal rennend die Welt umrundet. Und er trat in seiner Läufer-Karriere nicht nur gegen Konkurrenten, sondern auch gegen seinen inneren Schweinehund an. Ryffel stellt fest: «In unserer Gesellschaft haben wir in diesem Kampf an Biss verloren. Zu verlockend sind Kühlschrank, Sofa und Flimmerkiste.» Als ich mein Marathonabenteuer «Beiss durch den Big Apple» nannte, wusste ich noch nicht, wie bezeichnend dieser Name auch für mich selbst sein würde.

Frauen laufen nach Gefühl – Männer nach Pulsuhren

Am von Ryffel erwähnten Biss fehlte es nämlich auch mir und zwar beim Leistungstest bei Robert Greuter. Selbst ein passionierter Sportler, stellt Greuter sich seit 17 Jahren am Greifenseelauf als Arzt in den Dienst der jährlich rund 15’000 Läufer.

Zuerst stand ein medizinischer Check auf dem Programm. Für Greuter unerlässlich, wenn sich ein Mensch – egal in welchem Alter – an einen Marathon wagt. Zu diesem Check gehöre eine Blutanalyse, eine körperliche Untersuchung und die medizinische Vorgeschichte. «Es geht darum, die Risikofaktoren zu eruieren und die Hobbysportler vor voraussehbaren, ernsteren Vorfällen zu bewahren.» Ab Mitte 30 empfiehlt der Arzt zusätzlich ein Belastungs-EKG und eine Leistungsdiagnose (beispielsweise eine Spiro-Ergometrie – siehe Glossar unten). Letztere ist bei Spitzensportlern gängig, um ähnlich wie bei einem Laktattest den Trainingsstand zu ermitteln. Bei Hobbyläufern nutze er die Spiro-Ergometrie zur gesundheitlichen Standortbestimmung.

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Bild: Lukas Linder

«Ein Marathon-Novize braucht eine solche Diagnose fürs Training nicht.» Es reiche, wenn er auf seinen Körper horche und nach Gefühl laufe. Bezeichnend sei aber, dass dabei das Starke Geschlecht Schwäche zeige. «Nach Gefühl rennen fällt Frauen leichter als Männern. Diese sind wiederum in der Regel ehrgeiziger.» Läufer erstellten lieber Trainingspläne und nutzten öfter Pulsuhren, weiss Greuter. «Weil Männer ihre Vorgaben und den Ehrgeiz häufig über das eigene Wohlbefinden stellen, laufen sie öfters in Probleme rein.» So lägen deutlich mehr Männer an Volksläufen in den Sanitätsstationen. «Sie stehen sich zu spät ein, dass sie ihre Grenzen überschritten haben. Frauen hingegen fehlt es manchmal am Biss.» Und ich machte meinem Geschlecht alle Ehre.

Beissen lernen

Nach einer gründlichen Untersuchung hiess es bei der Spiro-Ergometrie also Laufen bis zur Erschöpfung. Ich stand auf dem Laufband, im Gesicht eine Atemmaske, um die Brust ein Pulsgurt, neben mir ein Monitor mit farbigen Leistungskurven. Und wieder stellte ich mir die Frage: Was ist Erschöpfung und wie fühlt sie sich an? In den folgenden sechzehn Minuten schraubte Greuter unerbittlich die Geschwindigkeit hoch, hielt mir immer wieder die Borg-Skala (siehe Glossar unten) unter die Nase und wollte so Auskunft über mein Anstrengungsempfinden. Immer mehr Schweiss tropfte von meiner Stirn, immer schneller ging mein Atem, immer schwerer wurden meine Beine. Nach sechzehn Minuten war ich mir sicher: So unangenehm, wie sich mein Körper anfühlte – das musste Erschöpfung sein. Ich resignierte und brach die Übung ab.

«Sie haben es mir nicht leicht gemacht», ist Greuters Fazit. «Ich habe nämlich den Verdacht, dass Sie nicht gebissen haben.» Gemäss den Graphiken, welche der Computer nach der Spiro-Ergometrie ausspuckte, sei eine anaerobe Schwelle (siehe Glossar unten) bei einer Herzfrequenz von 165 durchaus denkbar. «Dies hätte aber überhaupt nicht zu ihrem persönlichen Empfinden gepasst», spricht Greuter Klartext. «Sie gaben bei diesem Pulsschlag an, dass es bereits sehr streng sei.» Und es kommt noch dicker: «Sie waren am Schluss noch nicht erschöpft. Von der Herzfrequenz und den Atemreserven her wäre noch einiges mehr drin gewesen.»

Das Kreuz mit dem Kreuz

Mein Herz droht still zu stehen, mein Atem stockt: Habe ich genügend Biss für die 42,195 Kilometer durch den Big Apple im kommenden November? Greuter leistet meinem Ego sofort Erste Hilfe: «Auch beissen will gelernt sein.» Die Frage sei: Wie viel Wille hat ein Läufer dem Schmerz und Unwohlsein entgegen zu setzen? Da ist er also wieder: Ryffels innerer Schweinehund.

Greuter rät mir immer wieder Trainingseinheiten einzubauen, bei denen ich tatsächlich an meine mentalen Grenzen stosse. Regelmässig in den Zustand der Erschöpfung hinein zu trainieren sei wichtig, nicht nur für die körperliche sondern auch für die mentale Stärke. Und beruhigend fügt er an: «Was Herz- und Kreislauf angeht, steht ihrem Abenteuer nichts im Wege.» Der Näniker Sportarzt warnt aber nach den gründlichen medizinischen Tests: «Ihr Kreuz ist nicht stark genug. Dort könnten auf diese lange Distanz Probleme auftreten.» Sei es weil die Beine die Stabilisationsarbeit des Kreuzes übernehmen müssen und so schneller ermüden, oder weil schlichtweg die Kraft nicht ausreicht. «Für Sie heisst es deshalb in den kommenden Monaten zweimal die Woche Kraftgymnastik für den Rumpf.»

Eine weitere Schwäche sieht Greuter in meinen Füssen. Die Attribute «Spreizfüsse» und «leicht nach innen geknickt» tönen alles andere als schmeichelhaft und lassen mein Vorhaben auf wackligen Beinen stehen. «Lassen Sie sich gut beraten, was die Schuhe angeht und treffen Sie Ihre Wahl sorgfältig», gibt er mir mit auf den Weg nach New York

(Publiziert auf http://www.tages-anzeiger.ch)

 

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