Sportuhren im Test

Sportarzt Robert Greuter liess mich am Anfang meines Abenteuers mit der Spiroergometrie nicht nur über mein Stehvermögen nachdenken. Er stellte auch eine “sehr gute Leistungsfähigkeit an der anaeroben Schwelle” fest und gab mir massgeschneiderte Pulswerte für die verschiedenen Trainingsintensitäten mit auf den Weg nach New York. Statt nach Gusto in den Tag joggen, heisst es also dem Takt des Herzens folgen. Und das nicht im Schnellzugstempo.

„Ein Herzfrequenzmesser kann dabei als digitale Bremse fungieren“, stellt der Näniker fest. Er erhält Schützenhilfe vom einstigen Olympioniken Markus Ryffel: „Pulsorientiertes Training verhindert Über- oder Unterforderung.“ Er hebt den Mahnfinger. Nicht nur Laufanfänger, sondern auch Fortgeschrittene vergessen immer wieder, dass vor allem langsame Trainings in eine Marathonvorbereitung gehörten. „Diese sollten rund 75 Prozent des Trainingsumfangs ausmachen.“ Ein Herzfrequenzmesser sei der Schutzpatron dieser gemächlicheren Einheiten und schule gleichzeitig das Körpergefühl. „Mit der Zeit werden Sie spüren, in welchem Pulsbereich Sie sich befinden“, so Ryffel.

Der Herzfrequenzmesser dürfe aber nicht zu meinem Sklaventreiber werden. „Schliesslich ist es immer noch Ihr Körper, der die 42,195 Kilometer zurück legen muss und nicht der Computer.“ Er rät mir darum ab, mich in den Strassen New Yorks an meinem Puls zu orientieren und prophezeit mir einen kleinen Ausnahmezustand: „Das Adrenalin wird an der Startlinie durch Ihre Adern pumpen, Ihr Herz wird auf diese Aufregung reagieren.“

Wer wird Mr. Right?

Auf dem Weg nach New York haben mich versuchsweise verschiedene Pulsuhren begleitet – die moderne Gesellschaft würde sie Trainingsabschnittspartner nennen. Die Suche nach dem geeigneten Herzfrequenzmesser gestaltet sich nämlich genauso schwierig, wie jene nach Mr. Right. Das Angebot ist beachtlich, doch die Anwärter zeigen oft erst nach genauerem Hinsehen ihr wahres Gesicht.

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Bild: Lukas Linder

Und genauso wie bei der Suche nach dem geeigneten Lebenspartner sind zwei Fragen zentral: Was erwarte und was biete ich? Soll mein Trainingspartner lediglich für Herzensangelegenheiten zuständig sein, oder muss er sich auch um meine Orientierung und meine Geschwindigkeit kümmern? Wie flexibel muss mein neuer Kompagnon sein, wenn es um polysportives Training geht? Und genauso wie bei der Suche nach dem Traummann ist es unerlässlich, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben und sich selbst nicht zu überschätzen.

Der farbenfrohe Kommunikator

Welche Frau wünscht sich nicht einen Partner, der kommuniziert? Das tat er vom ersten Tag an und das nicht etwa in einer technischen, abstrakten Sprache – nein seine Ausdrucksweise ist… malerisch. Der Micoach von Adidas (inzwischen eingestellt) artikuliert sich in Farben statt in Zahlen! Während der eigentliche Computer in meiner Tasche steckt, verbindet uns ein Knopf im Ohr – mit einem Brustgurt fühlt er mir den Puls und misst mit einem Sensor am Schuh meine Schritte. Der Michoach gibt mir während dem Training in Farben an, mit welcher Herzfrequenz ich trainieren soll. Sein Wortschatz reicht von Blau über Grün und Gelb bis zu Rot. Auf Wunsch flüstert er mir auch Distanz, Geschwindigkeit und Puls ins Ohr. Er ist dabei anpassungsfähig und geht auf ethnologische Vorlieben ein. Vom feurigen Spanier bis hin zum Gentlemanenglisch – ich bestimme die Sprache unserer Konversation. In dieser Partnerschaft hat Frau die Hosen an und setzt gleich zu Beginn fest, wie das gemeinsame Ziel lautet. Er lässt mir dabei die Wahl, ob ich Fit werden, Stress abbauen, abnehmen oder an einem Marathon teilnehmen möchte. Er richtet sich ganz nach meinen Wünschen und stellt unseren kurz- oder langfristigen Plan danach aus. Der kleine Kommunikator ist kein Partner für stille Stunden. Will Frau in Ruhe den Alltag hinter sich lassen, tappt sie bezüglich Puls, Distanz und Geschwindigkeit im Dunkeln. Und in Anlehnung an den Techno-Hit von „Sin with Sebastian“ aus den 90er-Jahren könnte Frau versucht sein, entnervt zu bemerken: „Shut up and train with me!“
Fazit: Der Micoach von Adidas ist ein einfühlsamer Künstlertyp. Wer’s optisch mag, kommt bei ihm zu kurz. www.micoach.com

Der grossspurige Alleskönner

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich unweigerlich ans Credo meiner Swissair-Instruktoren: „You never get a second chance to make a first impression!“ – und diesen ersten Eindruck hatte er ordentlich vergeigt: Der Garmin Forerunner 310XT gewinnt keinen Schönheitspreis. Er taugt optisch allenfalls für den Arm eines Wenger Kilians, muskelbepackt und wuchtig. Letzteres gilt auch für den 310 XT, somit war sofort klar: mich würde er nie in den Ausgang begleiten. Anders beim Lauftraining, wo das Klische gilt: „Es zählen nur die inneren Werte.“ Der Forerunner 310XT ist ein ausgewachsener Trainingscomputer, welchen sich der Läufer ums Handgelenk schnallt. Und von wegen Grösse spielt keine Rolle, der 310XT hat ein grosses Display – und das hat seinen Grund: Er zeigt wahlweise bis zu vier Informationen, wie Puls, Distanz oder Zeit aufs Mal an und dies in beachtlicher Grösse. Damit hilft er mir unaufdringlich, wenn ich ausgepumpt kurz vor dem Ende einer intensiven Trainingseinheit, schnell die nötigen Angaben brauche. Und damit nicht genug: hinter der hässlichen Ente versteckt sich nicht nur ein treuer Begleiter für das Lauftraining – wie es der Name Forerunner vermuten lässt. Der 310XT ist nicht wasserscheu und dicht bis zu einer Tiefe von stolzen 50 Metern, wo bestimmt auch ein Triathlet nichts mehr verloren hat. Er ist nicht nur gross und stark, sondern – Frau staunt – auch flexibel. Man kann sich ohne Probleme und in kurzer Zeit von ihm trennen. Will heissen, das Gerät aus dem Hause Garmin lässt sich unkompliziert am Fahrradlenker befestigen und fühlt dennoch mittels Brustgurt meinen Herzschlag. Der 310XT ist durch sein eingebautes Global Positioning System (GPS) ein Kontrollfreak. Zu seiner Entlastung muss angefügt werden, dass er mit jedem PC verbunden übersichtliche und detailreiche Angaben, wie Kurven der Herzfrequenz, Höhendifferenz und Geschwindigkeit preisgibt. Aber kochen kann er nicht.
Fazit: Der Garmin 310 XT ist ein hässlicher Macho, der eine zweite Chance verdient. www.garmin.ch

Der Drillinstruktor

Die erste Tat des Polar FT60 nach siebentägiger Partnerschaft eroberte mein Herz: Er verlieh mir einen Stern. Dieser zierte eine Woche lang das Display der Uhr. Ich hatte seine Erwartungen erfüllt. Doch bereits eine Woche später degradierte er mich mit den erbarmungslosen Worten: „Sie müssen viel mehr trainieren“ – und das nach achteinhalb Stunden Sport in einer Woche. Während er zuvor mein Ego gestreichelt hatte, weckte er damit meinen Kampfgeist. Anhand meiner Angaben erstellt der Drillinstruktor, den es in männlicher und weiblicher Ausführung gibt, mein wöchentliches Trainingsprogramm. Er richtet sich dabei nach meinen persönlichen Zielen, sei dies Gewichtsabnahme, Verbesserung oder gar Maximierung der Leistung. Der FT60 verhält sich aber wie gewisse Automodelle: Ich muss alle Extras zusätzlich beschaffen. So ist er völlig orientierungslos, es sei denn ich stelle ihm ein externes GPS zur Seite. Ist mir zwar egal wo ich mich befinde, aber nicht wie schnell und wie weit ich laufe reicht ein Laufsensor völlig aus. Wie der Name Polar erahnen lässt, ist der FT60 kein Südländer. Er kann schwimmen, ist aber kein Freund des Meeres. Während er mir im Hallenbad zuverlässig den Puls fühlt, lässt er mich im Salzwasser jämmerlich im Stich. Auf seinem schmucken Display zeigt der Drillinstruktor in grossen Ziffern jeweils nur eine Information (beispielsweise Puls, Zeit, Geschwindigkeit) an. Bei der zweiten zeigt er sich knauserig: Sie wird nur klein am Displayrand angezeigt.
Fazit: Der Polar FT60 ist ansehnlich und kommunikativ. Ein Typ für Tag und Nacht. www.polar.fi

Der diskrete Gesellschaftsfähige

Schlicht, ich bin versucht gar anspruchslos zu sagen, und zielorientiert. Diese Attribute gehen mit unkompliziert und anpassungsfähig einher – was bitte will Frau mehr? Das Running Sportsband von Nike ist ein diskreter Kompagnon und ähnelt optisch dem Silikonarmband, das an der Tour de Suisse 2004 Lance Armstrongs Handgelenk zierte. Atypisch für einen Amerikaner kommt er aber ohne grosses Brimborium aus. Seine Kommunikation ist simpel – eine Information aufs Mal. So zeigt er auf seinem kleinen Display wahlweise entweder Distanz, Geschwindigkeit, verbrauchte Kalorien, Puls oder Zeit an. Dieser Trainingspartner ist gesellschaftsfähig – er tritt ohne viel Federlesens mit dem Computer in Verbindung, denn sein Display ist auch ein USB-Stick. Dieser Trainingspartner öffnet mir die Türen zu zahlreichen Clubs weltweit: Das Onlineportal des Herstellers ist ein wahrer Tummelplatz und lässt mich Gleichgesinnte der ganzen Welt herausfordern. Genauso unaufdringlich wie das Sportsband selbst ist der Sensor, mit welchem er meine Schnelligkeit und die Distanz misst. Sie lässt sich im Schuhinnern in die Sohle verstecken – vorausgesetzt ich trage Nike an den Füssen oder lege mir eine kleine Schuhtasche zu. Die Partnerschaft mit dem Nike Sportsband wird aber Nacht für Nacht hart auf die Probe gestellt. Auf ihn ist nach der Dämmerung schlicht kein Verlass mehr, so ist er definitiv kein geeigneter Begleiter für Nachtaktive: Sein Display ist für die Finsternis nicht geeignet, es ist dafür nicht genug beleuchtet.
Fazit: Das Nike Running Sportsband ist einfach zu handhaben – der „bester Freund-Typ“. Er ist aber kein Gesellschafter für die Nacht. www.nike.com

Der komplizierte Schönling

Er sieht gut aus und ist sehr intelligent, der Finne Suunto t3c. Anders wie die meisten Pulsmessgeräte arbeitet er statt mit Herzfrequenz-Zonen mit einer Einheit die sich Trainingseffekt nennt. Das ist gewöhnungsbedürftig. Diese ist gemäss Hersteller ein Mass dafür, wie effektiv ich trainiert habe. Der tc3 ist ein Mathegenie. Während ich meine Muskeln trainiere, macht er mathematische Übungen und berechnet für mich in Echtzeit meine Fortschritte. Das Resultat präsentiert er mit einer Ziffer von 1 bis 5. Simpel – oder? Mitnichten, der Suunto tc3 trägt das Los vieler Intellektueller – sie sprechen eine eigene Sprache. Das Benutzerhandbuch ist ein konstanter Begleiter während der Kennenlernphase. Denn auch die besagten Ziffern brauchen eine Übersetzung. So bedeutet 1 beispielsweise ein geringfügiger Trainingseffekt und 5 ein überlastendes Training. Auch als multitaskingfähige Frau überfordert mich das bei den ersten Trainings. Der tc3 hat eine klare Linie: Pulsgurt, externes GPS und Uhr präsentieren sich im gleichen eleganten Stil. Der Finne macht ganz eindeutig das Rennen, wenn es ums Aussehen geht und macht mich zur „Selfmade-Frau“: Als einen der wenigen Pulsmesser – wenn nicht gar einziger – muss er fürs Batteriewechseln nicht in fremde Hände gegeben werden. Für eine enge Partnerschaft ein echter Vorteil.
Fazit: Der Suunto t3c ist ein gewöhnungsbedürftiger, optischer Winnertyp. www.suunto.com

(publiziert http://www.tages-anzeiger.ch)

 

 

 

 

 

 

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