Der Plan B bei Verletzungen

Die Schneeflocken tanzten im Wind. Drei Mitstreiter, Jack und ich hatten Kai Luscht an diesem Sonntag unterjocht. Dieser Sieg verlieh uns Flügel, euphorisch jagte ich Jack zwischen den verschneiten Bäumen hinterher – ahnungslos. Während sich eine Wegbiegung weiter, hinter einem toten Baum Murphy hinterlistig die Hände rieb. Die Falle des Berüchtigten stand bereit – ich brauchte nur noch drauf zu treten. Jack flog regelrecht darüber hinweg. Mich brachte die Wurzel aber zur Strecke. Ich strauchelte. Murphy grinste hämisch. Ich beschloss den Schmerz im linken Knöchel zu ignorieren und kämpfte mit guter Laune dagegen an. Der Notfallarzt sollte später eine lädierte Sehne am Knöchel diagnostizieren. Er stellte mir ein Paar Krücken zur Seite und verschrieb meinem Fuss Ruhe. Meine Zuversicht sank. „Der Plan B heisst Wasser“, lautete die nüchterne Feststellung des erfolgreichen Langststreckenläufers Markus Ryffel. Mich schauderte. Grimmig beschloss ich aber Murphy keinen Triumph nicht zu gönnen und sagte meiner Hallenbad-Phobie den Kampf an.

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Bild: Lukas Linder

Täglich trotzte ich schwimmend dem kühlen Nass, um mich dann jeweils 15 Minuten in Aquafit zu versuchen. Für mich stand fest: Diese verhängnisvolle Wurzel sollte nicht mein Waterloo auf dem Weg nach New York werden. Murphy mochte zwar diesen Schlacht für sich entschieden haben, er hatte aber noch lange nicht den Krieg gewonnen.

Und der Zweite folgt sogleich…

Sportarzt Robert Greuter zeigte sich eine Woche nach Murphys Hinterhalt zufrieden. „Bewegen Sie sich, respektieren Sie aber ihre Grenzen“, warnte er. Diese lägen dort, wo der Schmerz beginne. Er erhielt von Ryffel Schützenhilfe. „Schnüren Sie die Blades oder steigen Sie aufs Velo“, hiess mich der einstige Olympionike. Meine Stimmung hellte sich auf und ihr tat das Wetter gleich. Der Frühling schickte seine ersten Vorboten. Es hiess also den Laufschuhen untreu werden, um im November den Marathon erfolgreich zu bestreiten. Lustvoll ging ich fremd – und stieg in die Rollerblades. Genüsslich füllte ich meine Lungen mit der sonnendurchfluteten frischen Luft. Ich zog aus den Greifensee zu erobern.

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Bild: Lukas Linder.

Mit jedem Meter gewann ich meine Zuversicht zurück und auf halbem Weg verflog mein Groll gänzlich – vergessen war der infame Murphy. Der internationale Bösewicht lag aber hinter einem Gebüsch bereits wieder auf der Lauer: Ein BMW fuhr aus einem Parkplatz und verwehrte mir auf dem Radstreifen den Vortritt – der Zusammenstoss war unvermeidbar. Gnadenlos rechnete Murphy mit mir ab. Ich ging fremd und sollte es teuer bezahlen. Denn erst als das Adrenalin aus meinen Adern wich, stellte sich der hämmernde Schmerz in meinem Finger ein und noch länger dauerte es, bis meine Rückenmuskeln den Aufprall quittierten.

Ein Bruch und ein leichtes Schleudertrauma, gehen auf Murphys Konto. Nicht einmal Ryffels Plan B konnte greifen. Die vom Arzt verschriebenen Medikamente halfen gegen die Schmerzen, nicht aber gegen die schwindende Zuversicht, dass Murphy endlich die Finger von mir lassen würde. Noch viel weniger wirkte die Medizin gegen die Anziehungskraft meiner Laufschuhe. Doch nun hiess es der Leidenschaft widerstehen, kühlen Kopf bewahren und sich in Geduld üben.

Der Körper lässt sich nicht überlisten

Christian Belz, 5000-Meter- und Halbmarathon-Schweizermeister 2009, kennt dieses Dilemma gut. Auch ihn malträtierte Murphy und zwang ihn so zu einer längeren Trainingspause. „Als Einzelsportler bin ich es gewohnt, mein eigener Herr und Meister sein und habe grosse Mühe, wenn mein Körper mir eine Pause aufzwingt.“ Trotzdem gehe es gerade dann darum, ein Teamplayer zu sein. „Alles andere ist sehr kurzfristig gedacht“, fügt Belz an.

Auch bei Verletzungen sei es elementar, dass ein Sportler auf seinen Körper höre. „Dies hat auch mit Ehrlichkeit zu tun“, stellt er klar. Es sei anmassend, das Gefühl zu haben, man könne seinen Organismus überlisten. „In einem solchen Moment lohnt sich eine genaue Analyse, wie viel Energie in Alternativtraining und wie viel in die Regeneration gehört, um den Körper bestmöglich zu unterstützen.“ Für Belz steht fest, dass es sich dabei hauptsächlich um einen rationalen Prozess handelt. „Überstürzen bringt gar nichts.“

 Ich sass also da. Statt Gewichte hob ich Teetassen, statt Laufschuhe schnürte ich meinen Verband und statt schnittigen Lauftights trug ich weite Wohlfühl-Trainerhosen. Etwas Gutes hatte mir Murphy aber gebracht – eine Sekretärin. Für diesen Serieteil hiess es: „Schwesterherz, zum Diktat!“

(publiziert auf http://www.tages-anzeiger.ch)

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